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Bild großFlieg mit den Vögeln

Erzählung

von Evelyn Ziegler

 

Magic Buchverlag
ISBN-10: 3-936935-43-2
ISBN-13: 978-3-936935-43-1
396 Seiten, Verkaufspreis: 21,90                               Zum Buchshop

Dreiundsechzig Briefe – Briefe an einen achtjährigen Jungen, die ihn nie erreichen, die jedoch sein kurzes Leben widerspiegeln. Wohlbehütet in der Liebe seiner Mutter, vom Vater letztendlich sehr enttäuscht, in einer modernen, technisierten, sterilen Welt straff eingebunden, seiner Selbstständigkeit beraubt, doch mit eisernem Willen trotzend, musste er nach 194 Tagen schwerer Krankheit den Kampf des Lebens aufgeben.

Ein Kind zu verlieren ist das traumatischste Erlebnis aller Eltern, das eine tiefe, lebenslange, unvergessliche Narbe hinterlässt. Noch viel dramatischer ist es, wenn Mutter und Kind den Kampf allein, irgendwann aussichtslos und ständig im Konflikt mit den existenziellen Zwängen führen müssen. Der Spagat zwischen Krankheit, Arbeit und Finanzen wird unmenschlich, ungeachtet dessen die Liebe zum Kind tiefer wird.

Trotz immensem medizinischem Wissen und Können sind rasch Grenzen erreicht. Wünschenswert ist jedoch, dass Verständnis, Liebe und Humanität nicht im Alltagstrott und Egoismus versumpfen.

Solange über einen Menschen gesprochen wird, lebt er! (Elisabeth Scholl)
 

Evelyn Ziegler - 194 Tage in Sorge und Angst um das Leben meines Sohnes. Ein Leben zwischen Hoffen und Bangen, zwischen Liebe und Pflicht. Ein täglicher Kampf, um den Krebs zu besiegen. Irgendwann zu wissen, der Kampf ist verloren.  Jeden Tag hilflos daneben stehen und zusehen, wie ein kleiner, kindlicher Körper geschunden wird. Langsames Bewusstwerden, dass ein enormer Wille in einem kleinen Körper gebrochen wird. Zu Wissen, dass jeder in seinem Umfeld sein Bestes gibt und trotzdem kommt der Tag, an dem dir der Stärkere ins Gesicht lacht. So habe ich die Zeit auf der Kinderonkologie erlebt. Ein Trauma, das sich schleichend in die Seele frisst und dort, trotz aller Bemühungen der Bewältigung, als spürbarer Dorn unbeirrbar den Rest deines Lebens in deinem Innersten sticht.

Der Instinkt veranlasst jede Mutter, ihr Kind mit Zähnen und Klauen zu verteidigen und zu beschützen. Plötzlich wird diese natürliche Kompetenz in Frage gestellt und ihr aus der Hand genommen. Ich empfand es unerträglich, meinen Sohn nicht mehr beschützen zu können.

194 Tage und jeder Tag war ein Abenteuer beim Blick in die menschlichen seelischen Tiefen. Die persönliche Zuneigung erstickt im Stress. Das Machbare fordert zuerst den Willen, sich Gedanken zu machen und die Mühe, etwas gegen alle Widerstände durchzusetzen, eben machbar zu machen.

Viele Menschen bergen Ruhe und Souveränität in sich und vermitteln damit Kraft. Ich begegnete auch vielen Menschen, die so in ihren eigenen Ängsten  verstrickt waren, dass ich  für sie eher als Unglücksboote erschien denn als Mutter mit Anspruch um einwenig Gehör.

Ursprünglich plante ich, meine Tagebuchnotizen die ich während des Klinikaufenthaltes meines Sohnes machte, in eine lesbare Form zu bringen.  Spürbares Interesse bei neugewonnenen Freunden veranlassten mich, diese Notizen weiter zu geben. Dabei entwickelte sich die Idee zu dem Buch „Flieg mit den Vögeln“ Ich begann, jeden Tag als Brief an meinen Sohn zu verfassen. Es gab sehr schwere und weniger schwere Tage. Zwischendurch konnte ich oft wochenlang nicht weiter schreiben. Immer wieder motiviert mit vielen Gesprächen und Ermunterungen entstand die Vorlage zu dem Buch. Ein Buch, das wertfrei manch menschliche Schwäche aufzeigt. Ein Buch, das vielleicht hilft, zu überlegen, wie ein Erwachsener einem Kind gegenübertreten sollte. Insbesondere ist es wünschenswert zu bedenken, dass auch ein Kind, noch mehr ein lebensbedrohlich erkranktes Kind, Würde hat und diese muss respektiert werden. Von allen, auch wenn zum Beispiel ein anstrengender Dienst, Übermüdung oder Machtkämpfe täglich neu bewältigt werden müssen.

 

Leseprobe

38. Brief

Donnerstag, 4. Februar
 
»Hi, mein kleiner Liebling – gut geschlafen?«

Mit diesen Worten weckte ich dich an diesem Morgen auf. Ich hoffte, dass dies der zehnte Tag in Folge wird, der sich ruhig und harmonisch an die Kette der Zeit schmiegt.
 
Es war gerade 9.00 Uhr, als wir die erste Blutprobe ins Labor brachten. Die Laborantinnen kannten dich schon und begrüßen dich wie einen guten, alten Freund. Sie fragten dich nach deinem Befinden und wie denn die Blutwerte heute sein sollen. Eine junge Laborantin mit langen schwarzen Haaren, die sie jeden Morgen am Hinterkopf zu einem Pferdeschwanz band, zeigte uns an diesem ruhigen Morgen wie die Blutwerte in den verschiedenen Geräten ermittelt werden. »Ihr Mund leuchtet immer so knallrot, wenn sie diesen weißen Laborkittel trägt«, flüstertest du mir leise zu, und: »Mama, wie kann sie mit den langen roten Fingernägeln arbeiten?« Mit der Pipette wurde ein winziger Tropfen Blut aus dem mitgebrachten Röhrchen entnommen und auf eine kleine Glasscheibe getropft, dann in eine Maschine geschoben, die auf Knopfdruck mit leisem, surrendem Singsang zu ermitteln begann. Aufleuchtende Dioden erhöhten die Spannung. In nur wenigen Minuten ist es möglich, die einzelnen Werte wie Leukos, Thrombozyten und Hb-Wert zu erkennen und diese an die Station zu melden. Da wundert es uns, warum wir oft einen halben Tag auf die Ergebnisse warten müssen. Mag sich auch hier die personelle Situation als Hemmschuh einer raschen Arbeitsweise erweisen, den kleinen Patienten und deren besorgten Eltern gegenüber ist das lange Warten auf die Ergebnisse mehr als eine Qual. Werden doch genau dadurch Ängste geschürt und Sorgen vertieft.
 
Bei der Ultraschalluntersuchung stellte der Arzt fest, dass du zu viel Luft im Bauch hast und er deshalb zu keinem genauen Untersuchungsergebnis kommen könne. Zurück auf der Station lag schon die Nadel zu einer zweiten Blutentnahme bereit. »Deine Blutwerte sind so katastrophal«, meinte die Schwester, »dass wir nochmal Blut zur Kontrolle ins Labor senden müssen.« Da du heute auch noch eine Computertomografie zu erdulden hattest, konnten wir die zweite Blutprobe auf dem Weg dorthin gleich wieder selbst im Labor abgeben.
 
Zum hundertsten Mal gingen wir durch den Irrgarten in den Tiefen der Klinik. Wie jedes Mal beschlich mich auf dem Weg in das nächste Gebäude ein ungutes, ja sogar unheimliches Gefühl. Als wir bei der CT ankamen, sagte man uns, dass wir erst in zwei Stunden wiederkommen sollen. Ein Notfall, der vorher untersucht und behandelt wird.
 
»Was machen wir?«, fragte ich dich. »Wollen wir ins Erdgeschoss hoch und uns in das Patienten-Café setzen?« Das war natürlich nach deinem Geschmack. So gönnten wir uns Kaffee und Limo, um dann frohgemut zwei Stunden später vor den Türen des CT-Raumes zu stehen. Kein Patient war weit und breit zu sehen. Keine Schwester, kein Arzt, keine MTA. Wie ausgestorben wirkten der Warteraum und der lange Flur vor den Untersuchungsräumen. Ich klopfte an eine Tür. Keine Reaktion. Ich klopfte an die andere Tür. Keine Reaktion. Etwas hilflos standen wir auf dem langen Flur. »Komm, setzen wir uns«, sagte ich zu dir und wir setzten uns auf die fest verankerten Stühle, die an der Wand aufgereiht sind. So gut es diese Stühle zuließen kuscheltest du dich an mich und ich fühlte deine kalten Hände und Füße.
»Jetzt wird es Zeit, dass hier was passiert«, sagte ich laut in die Leere, und ein leises Echo prallte von der Korridorwand zurück. Du wurdest langsam unruhig. Plötzlich stand wie aus dem Nichts eine junge MTA vor uns und entschuldigte sich endlos. »Eigentlich haben wir schon Feierabend. Ich bin mit einer Kollegin zurückgekommen, um noch die Untersuchung an dir vorzunehmen«, erklärte sie und bat uns in den Umkleideraum. Wie immer, nur heute nicht so freundlich, bekamst du einen Kopfhörer mit Musik auf deine Ohren gestülpt und den Schalter, der dem Personal zeigt, ob und wie sich dein Befinden während der Untersuchung verändert, in die Hand gedrückt. Dein Goldkettchen um den Hals nahm ich dir ab und den Knopf an deiner Hose riss die MTA ab, als sie heftig und ungeduldig daran fingerte. »Wie sollen wir denn arbeiten, wenn noch die Nadel im Port steckt!«, mokierte sich die MTA. Dabei spritzte dir die junge Dame das Kontrastmittel viel zu schnell in die Vene. Es tat dir sehr weh, und ich fragte die Dame in Weiß, ob sie dies nicht etwas langsamer spritzen könne. Meine Bemerkung hat ihr nicht gefallen.

Nach über einer Stunde – mit einer Engelsgeduld hast du während der ganzen Zeit Musik gehört – war das Screening, bei dem der Wachstumsstatus des Tumors geprüft wird, vorbei und du durftest wieder aufstehen. Dabei schoss unerwartet Blut aus dem Stich, der in den Port führte. Du bekamst ein dickes Polster aus Gazematerial darauf gedrückt, und so wurden wir zurück auf die Station geschickt. Welche Unverantwortlichkeit und welche Dummheit von mir, nicht zu protestieren. Die beiden MTAs schalteten die Lichter aus, und weg waren sie. Weit und breit keine Menschenseele, kein Telefon. Außerdem hatten wir keinen Schlüssel für den Aufzug, der uns eine Etage höher gebracht hätte. Ausgerechnet an diesem Tag hatten wir keinen Rollstuhl dabei. Zu Fuß musstest du mit mir den weiten Weg durch das Kellergewölbe gehen ...

Pressestimmen - Buchtipps

Mai 2007: Friedberger Allgemeine
Dezember 2007: Münchner Merkur
 

Buchvorstellung:

Signal: Leben mit Krebs - Patientenmagazin

Buchtipps:

Wir - Zeitschrift der Deutschen Leukämie-Forschungshilfe e.V. u. Deutschen Kinderkrebsstiftung

Buchtipp in der Newsletter der Elterninitiative Krebskranke Kinder München e.V.

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Wir erhoffen uns davon, dass Trauernde Ihre Erfahrungen weitergeben, Trost und Hilfe erfahren und auch anderen Hinterbliebenen eine Hilfe sein werden. 

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